
Originally Posted by
Gerslave
Nur ein paar Anmerkungen zur damaligen Praxis:
In der Tat lieferte die Onanie von Jungen den Ärzten den Vorwand bzw. Grund "chirurgisch" vorzugehen. Gesagt wurde denn dabei, daß eine Phimose (Vorhautverengung) die "damals unerwünschte" Reizung des männlichen Genitals auslösen würde. Mit der straffen Beschneidung sollte die Empfindlichkeit des Penis herabgesetzt werden (besser wäre zu sagen, weitgehend sensitiv abgestumpft werden). Beliebt war bei den Urologen auch, einige Nerven im Penis zu unterbrechen.
Der Ausdruck "Vorwand benutzen" ist also schon richtig, offiziell wurde die Onanie nicht als Ursache genannt, stets war die Phimose, lokale Entzündung oder eine Schwellung (ggf. Ekzem) dann für die radikale Behandlung "ausschlaggebend".
In den fünfziger Jahren war die allg. Prüderie noch so stark verbreitet, daß viele junge Männer wirklich glaubten, daß jeder Samenerguß die geistigen Kräfte herabsetzen würde und das Leben verkürzen würde. In der sog. Aufklärungsliteratur standen sogar Zahlen, daß ein Mann insgesamt nur 1000, 2000 oder max. 3000 Samenergüsse im ganzen Leben haben könnte. Darum der perfide Vorschlag mancher Urologen: Wo nichts mehr ist, kann also auch nichts mehr "verdorben werden". Benutzen des Penis sollte eben nur zur Kinderzeugung in der Ehe (und nur in der Ehe) gestattet sein.
Im übrigen konnte sich ein Junge damals kaum widersetzen, denn Eltern hatten wirklich ein absolutes Mitsprache-, Miwirkungsrecht über die körperliche Unversehrtheit. (Kleine Anmerkung: Meine eigene Blinddarm-Operation konnte aufgrund der Zustimmung meiner Elern durchgeführt werden. Es war schon ein Fortschritt, wenn mit dem Betroffenen überhaupt geredet wurde). Der angesprochene Bekannte hatte praktisch keine Chance, sich dagegen zu wehren. Der Betroffene ist natürlich gay, fühlt sich nach langen inneren Kämpfen befreit und lebt derzeit in einer reinen eingetragenen, homosex. Partnerschaft.
Zudem galt diese "Weisheit" bei den Ärzten...(noch in alten Lehrbüchern der Geburtshilfe zu finden) ....
"Bei einem Mann hat die Gonadenfunktion nichts mit Menschenwürde zu tun. Bei einer Frau wird durch die Gonaden der Fortbestand der Menschheit gesichert." Folgerichtig gab es zu jener Zeit für Frauen Entschädigungsansprüche, bei Männern nicht mal einen Klageanspruch, wenn die Gonadenfunktion durch ärztliche Kunstfehler in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Ketzerische Frage: Haben wir tatsächlich Fortschritte gemacht.