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Joachim Hermanns hatte es kommen sehen. Das Urteil war keine Überraschung. Die Beweise gegen Tatjana Milchewa waren einfach zu dürftig gewesen. Er war sich ja selbst nicht sicher gewesen, ob sie schuldig war. Warum schließlich hätte sie ihren Freier – einen Stammkunden und reichen Geschäftsmann kunstgerecht kastrieren und erdrosseln sollen? Aber Joachim wusste, dass es für einen Mord nicht immer einen Grund geben musste – zumindest keinen nachvollziehbaren oder logischen. Der Fall war sehr heikel. Denn die Dame hatte eine Kundenkartei, die sich wie ein who´s who der Politik und der Wirtschaft las. Sie war nicht nur schön und erntete bewundernde Blicke, als sie ins Gerichtsgebäude schritt, sie war auch nicht auf den Kopf gefallen. Und ihr junger Anwalt hatte sich in den Fall verbissen. Als Richter Erwin Matthäus, ein altväterlicher Herr, den Freispruch verkündete, funkelten Tatjana Milchewas Augen voller Triumph. Sie funkelten auch zu Joachim herüber.
Er schloss seine Wohnungstüre etwas mühsam auf, denn in einer Hand balancierte er eine Einkaufstasche. Joachim war gerade Strohwitwer. Seine Frau war mit ihrer gemeinsamen Tochter ans Meer gefahren. Er hatte das ganz gern gesehen, denn während der Prozesstage war er ziemlich genervt gewesen. Von dem profilsüchtigen Junganwalt, den nicht kooperativen Zeugen, dem schusseligen Kommissar… Gut, dass es vorbei war. Er stellte die Tüte in die Küche und wollte seine Einkäufe verstauen, da entdeckte er sie. Sie lehnte in der Tür – die Milchewa. „Was machen Sie hier?“ Sagte er und es klang schroffer als beabsichtigt. „Ich habe geklopft.“ Sagte sie mit gewinnendem Lächeln. „Die Tür stand offen.“ Hatte er die Wohnungstür tatsächlich offen stehen lassen? Normalerweise war Joachim sehr vorsichtig. „Was führt sie her?“ Fragte er, nun wieder ruhiger. „Sie.“ Versetzte sie schlicht. Er lachte kurz auf. „Und warum, sie müssen mich nicht mehr von Ihrer Unschuld überzeugen. Sie sind frei gesprochen. Und mit den dünnen Beweisen, die Kommissar Frantzen gesammelt hat, war das auch nicht anders zu erwarten.“ „Ärgert Sie das?“ Er zögerte und suchte nach den richtigen Worten. „Nicht der Freispruch. Aber dass sich nicht sicher bin. Aber kommen wir auf den Punkt. Sie wollen doch nicht mit mir small talk machen.“ Sie grinste, ihre grünen Augen blitzten. „Doch, das fände ich ganz angenehm. Leider sind meine Kunden verschreckt, weil Sie so viel aus Ihnen herausgepresst haben. Einige habe ich wohl verloren. Diskretion ist wichtig in dem Geschäft.“ Er verstand. „Die Aussagen werden bei uns vertraulich behandelt.“ „Schön, wird aber nicht so viel bringen, denke ich.“ Sie setzte sich unaufgefordert auf einen Stuhl, blickte in der Küche herum. „Sind Sie glücklich verheiratet?“ „Ich wüsste nicht, was Sie das angehen würde.“ Joachim wurde mulmig zumute. Sie stand plötzlich in seiner Wohnung. Sie fragte nach seiner Familie. „Ich wollte Ihnen nur etwas bringen.“ Sie stand auf und legte zwei DVDs auf den Küchentisch. Die erste DVD war pikant. Die Milchewa in Aktion, zunächst mit ihrem jungen Anwalt, dann mit Richter Matthäus. Die zweite DVD aber haute ihn vom Hocker. Da war wiederum ein Pärchen zu sehen, ein junger Adonis der sehr einfühlsam eine Frau verführte und mit ihr schlief. Und die Frau war nicht Tatjana Milchewa. Sondern es war seine Ehefrau Emma. Joachim griff sofort zum Telefonhörer und wählte Emmas Handy Nummer. Sie stritt zunächst alles ab. Doch als Joachim nicht locker ließ knickte sie ein. Der junge Mann hieß Christian. Ja, sie hatte mit ihm geschlafen. Mehrmals. Sie schien zu weinen. Auf Joachims, zugegeben spitz formulierte Frage, wie sie sich die Zukunft vorstellte, brach es aus ihr heraus. Er würde sie nicht mehr begehren, nicht mehr mit ihr schlafen, sei entweder zu müde oder zu beschäftigt oder vielleicht einfach nicht mehr fit genug und wenn sie dann Sex hätten, dann sei er ein fantasieloser Liebhaber. Christian dagegen sei ein Sexgott und sehr charmant, darum sei sie eben schwach geworden. Es war eine dumme Idee gewesen, sie gleich an zu rufen, befand Joachim. Und er wollte ihren Redeschwall weder hören noch durch Widerrede unterbrechen. Darum legte er auf. Und als er aufgelegt hatte, wurde ihm bewusst, dass er die wichtigste Frage gar nicht gestellt hatte: Wer hatte gefilmt und wie kam der Film in den Besitz ausgerechnet von Tatjana Milchewa. Emma bereute, dass sie ihren Mann gleich mit Vorwürfen überschüttet hatte. Was sollte sie jetzt tun? Zurückrufen? Sie rannte im Zimmer herum wie eine verwundete Löwin. Sie wählte die Nummer von Zuhause. Er ging nicht hin. Sturschädel, dachte sie. Es war zu spät, um gleich nach Hause zu fahren. Sie waren auf einer Insel, die nächste Fähre fuhr erst am darauffolgenden Nachmittag. Emma beschloss, auf den letzten Tag am Meer zu verzichten. Sie packte. Am nächsten Tag überredete sie Luzia zur Heimfahrt. Doch als sie am Samstagabend in der Wohnung ankam, war sie leer. Joachim war nicht zuhause. Er hatte beschlossen, auf eine Vernissage zu gehen, für die er vorige Woche eine Einladung erhalten hatte. Und als er Tatjana Milchewa dort entdeckte glaubte er keine Sekunde an Zufall. Die Frau wollte etwas von ihm. Er ignorierte sie zunächst und wartete ab, bis sie neben ihn trat, um ein Bild zu betrachten. Sie sagte nichts. Er wollte auch nichts sagen, hielt es aber nicht aus. „Ich frage mich.“ Begann er. „Warum sie etwas von mir wollen, obwohl sie freigesprochen wurden. Haben sie den Mann doch ermordet und können nicht mit der Schuld leben?“ Sie lachte heiser. „Ich tue nichts, rein gar nichts, was meine Kunden nicht möchten.“ „Soll das heißen, er wollte kastriert und ermordet werden?“ „Glauben Sie, was Sie möchten. Wissen Sie, ich bin gerade dabei, mir einen neuen Kundenstamm aufzubauen. Ich setzte jetzt auf Juristen.“ Er musste lachen. „Das hab ich gesehen.“ Sie schwieg, ging ein Bild weiter, Joachim folgte ihr. „Sie haben gestern noch eine ganze Menge gesehen.“ Sie wusste, wie sie hiebe verteilen konnte. „Einmal ehrlich.“ Sagte sie fast sanft. „Sie führen kein erfülltes Sexleben. Es fehlt das Risiko; der Kick. Wie übrigens die meisten verheirateten Männer und Frauen um die 40. Aber sie hätten ganz andere Möglichkeiten. Genau wie Ihre Frau. Ihre Frau hat die Möglichkeiten genutzt.“ Er verstand jetzt endlich. Sie wollte ihn als Kunden gewinnen. Er wollte es sich nicht gleich eingestehen, aber er fühlte sich geschmeichelt. Gleichzeitig fühlte er sich dumm, denn sie würde mit jedem schlafen, der das nötige Kleingeld aufbrachte. „Warum sind Sie so verklemmt.“ Setzte sie nach. „Bin ich das?“ „Ich habe den Eindruck, ja. Stellen Sie sich doch einmal die Frage, wann Sie Ihren letzten Orgasmus hatten, ich meine, einen wirklich großartigen, befreienden Orgasmus. Sie brauchen es mir nicht sagen, aber zu sich sollten Sie ehrlich sein.“ Joachim überlegte tatsächlich. Den besten Sex hatte er mit Emma vor der Geburt von Luzia gehabt. Das war vor über sechs Jahren gewesen. Die Erinnerung erregte ihn. Einmal, da hatte Emma ihm die Augen verbunden und die Handgelenke gefesselt. Sie hatte Joachim so komplett verrückt gemacht. Tatjana blickte ihn an. „Das erste Mal ist bei mir immer umsonst.“ Er schwieg, war weiter in Gedanken. „Trinken sie ein Glas Champagner mit mir, oder trauen Sie sich auch das nicht?“ Er lachte leise. „Gerne.“ Sie verließen die Vernissage gemeinsam. Joachim und Tatjana. Joachim war sich sicher, dass Emma zuhause war. Er hatte keine Lust, sie zu treffen. Tatsächlich hatte er sich mit Tatjana Milchewa nach dem anfänglichen Wortgefecht wunderbar unterhalten. Sie hatte ein sehr gewinnendes Wesen. Joachim glaubte nicht, dass sie etwas mit dem Mord zu tun hatte. Zumindest im Moment nicht. Als sie auf das Taxi warteten, das Tatjana bestellt hatte, küsste sie ihn. Sie holte ihn ein wie ein Fisch. Sie hatte ihn soweit. Wenn sie sich einen Mann wirklich in den Kopf gesetzt hatte, dann hatte sie ihn schon immer bekommen. Sie hatte noch nie geliebt; es war ihr schon immer darum gegangen, die Männer zu besitzen. Darum hatte sie sich bereits mit 15 an einen 60-jährigen Mann verkauft. Darum war sie Callgirl, das teuerste in der Stadt. Sie hatte in ihrem Leben nur mit Freiern geschlafen. Es war rein professionell. Ihr war klar: sich zu verlieben wäre ebenso unprofessionell gewesen wie sich in Leidenschaft zu verlieren. Die Männer mussten entbrennen. Dafür brauchte sie einen kühlen Kopf. Was sie sich ab und an gestattete war ein kalter Orgasmus, ein Triumphgefühl. Im Bett, da war sich Tatjana sicher, waren die Männer den Frauen ausgeliefert. Aber sie war sich auch bewußt, manchmal schmerzlich bewusst: Freier war nicht gleich Freier. Bei manchen Männern war ihr Beruf Routine. Bei anderen aber war sie getrieben von Neugier und dem Ziel, eine perfekte Show zu liefern. Der attraktive Staatsanwalt hatte ihr von Anfang an gefallen. Sie hatte in Gedanken seinen Talar ausgezogen, sich den Geruch seines steif werdenden Penis vorgestellt, sein Stöhnen beim Sex. All das wurde Realität. Die Taxifahrt über hielten sie sich noch zurück, vielmehr er hielt sich zurück. Dabei quälte sie ihn, indem sie sein Gemächt durch die Jeans hindurch massierte. Als sie in ihrem neuen Penthouse angekommen waren, gab es kein Halten mehr. Sie legte ihn sofort flach. Auf ihr riesiges Bett. Und küsste die Wölbung zwischen seinen Beinen, wanderte ziellos über seinen noch bekleideten Körper. Sie hatte es getan; als ob sie es geahnt hätte. Es hatte Ewigkeiten gedauert, bis sie beide nackt waren. Und nochmals Ewigkeiten, bis sie sich gegenseitig erkundet hatten. Ewigkeiten bis Joachim über ihr lag, zum ersten Stoß ansetzend, seine Bevölkerungsflöte artig in ein Kondom verpackt. Er glitt denn auch langsam, bewusst und voller Genuss in ihre Grotte. Ein Mal, zwei Mal. Immer wieder. Doch dann legte sie ihn aufs Kreuz. Und hatte es getan. Ihn ans Bett fest gebunden und geritten. Sie knackte seinen steifen Stamm regelrecht mit ihrer Muskulatur. So gestattete sich Joachim, sich völlig gehen zu lassen. Tatjana hatte das brünstige Keuchen ihres schönen Staatsanwalts noch im Ohr. Der lag jetzt träge und halb eingedämmert neben ihr. Es war immer das Gleiche mit den Männern. Wollten Helden zwischen den Federn sein und schliefen nach dem Sex ein. Sie würde ihm ein pikantes Erwachen bereiten. Zuerst aber wartete sie. Wartete bis sein Atem ganz langsam und gleichmäßig wurde und drückte ihm dann ein Tuch mit Chloroform aufs Gesicht. Dann band sie kunstgerecht Fesseln an Arm- und Fußgelenke. Sie konnte eine Reihe von Bondage-Techniken. Minuten später schwebte er gefesselt, mit angewinkelten und gespreizten Beinen in der Luft. Tatjana begutachtete ihr Werk. Es stand ihm gut. Sein Körper war schlank aber kräftig gebaut. Sie verband ihm die Augen und holte ihn mit einem Guss kalten Wassers zurück ins Bewusstsein. „Was soll das?“ murmelte er mit steigender Verwunderung. „Ich werde Dir zeigen, was ich mit Jungs mache, die nach dem Sex einschlafen.“ Was Joachim am meisten verunsicherte: Er genoss ihre Dominanz durchaus. Der entscheidende Körperteil stand wie eine eins. Und er merkte, dass sie ihre Hiebe auch nicht mit voller Wucht ausführte. In wie viele Stellungen sie ihn gezwungen hatte – Joachim hatte den Überblick verloren. Er lag auf dem Bett jetzt, Arm- und Fußgelenke aneinander und gemeinsam an das Bettgestell gefesselt, so dass er ihr Hintern und Geschlechtsteile entgegenstreckte. Tatjana bearbeitete seinen Anus mit Gleitcreme und der plötzliche Schmerz bestätigte, was Joachim befürchtet hatte, nämlich, dass sie mit einem umgeschnallten Dildo in ihn eingedrungen war. Nachdem er im ersten Augenblick das Gefühl gehabt hatte, in der Mitte auseinander zu brechen und völlig verkrampfte, gelanh es ihr durch eine Massage seines Kleinen Freundes, ihn wieder zu entspannen. Langsam aber sehr energisch ließ Tatjana den Dildo in sein widerstrebendes After eingleiten. Joachim spürte zum ersten Mal in seinem Leben bewusst seine Prostata, die sich gegen den Godemiché drängte. Vorne zuckte sein Bajonett. Irgendwann verpackte sie den Kolben, setzte sich darauf und ritt ihn mit heftigem Hüftschwung. Die Töne, die er von sich gab zeigten, dass er nicht mehr auf dieser Welt weilte. Sie liebte es, wenn ein Mann so außer Fassung war wie er im Moment. Es bedeutete absolute Macht über seinen Körper. Diesmal ließ sie ihn, nachdem er aus dem Paradies langsam zurück gekehrt war, nicht einschlafen. Sie band Joachim auf dem Wohnzimmertisch fest, kniend, den Oberkörper vorne über, die Arme zwischen den Knien hindurch gezogen, so dass er seinen Hintern keck empor streckte. Und so ließ sie ihn erst einmal sich selbst überlassen. Sie musste telefonieren. Emma konnte es nicht glauben. Ihr Mann, ihr Jo, der immer so gerecht tat – er sollte seine eigene Tochter missbraucht haben? Das Bild, das sie im Briefkasten gefunden hatte war eindeutig. Es war wie ein Schock. Sie rannte in Luzias Zimmer, das Mädchen schlief schon. Sie fragte und fragte. Aber sie bekam keine wirkliche Antwort von ihrer Tochter. Dann – sie war völlig hysterisch, ihr Atem ging schnell, ihr Herz raste – dann kam der Anruf. „Sie können Ihren Mann jetzt abholen.“ Sagte eine Frau. „Vesaliusstraße 16a, Penthouse. Die Tür steht offen.“ Emma überlegte nicht. Sie fuhr sofort hin. Abholen. Warum abholen? Sie würde ihn zur Rede stellen. Das Schwein. Zunächst verfuhr sie sich, dann fand sie das Haus, ein schickes, hohes Gebäude. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben. Es schien ewig zu dauern. Im obersten Stock gab es auf diesem Aufgang nur eine Tür. Sie war tatsächlich offen. Emma ging in den Gang, ihr war unheimlich zumute. Links stand eine Tür offen. Eine Schlafzimmertür. Auf dem Bett lag ein Mädchen, nicht viel älter als Luzia. Nackt. Es schlief. Ein Schub unbändigen Hasses durchfuhr Emma. Im Wohnzimmer fand sie ihn dann, auf einen Tisch gefesselt. Joachims Gesicht lief rot an, als er sie sah. „Emma, was machst Du hier?“ Sagte er dann stockend. „Mach mich los.“ Doch sie schrie nur. „Du Schwein, Du mieses Schwein.“ Sie rannte durch die Wohnung wie von Sinnen. Rannte in die Küche. Dort fand sie ein Messer und eine Knoblauchpresse. „Ich kann es Dir erklären, hörst Du. Mach mich los?“ Sagte Joachim, als sie wieder ins Wohnzimmer kam „Ich brauche keine Erklärung, Du perverse Sau.“ Er verstand nicht, warum sie derartig zornig war. Warum sie überhaupt hier war. „Aber Du bekommst Deine Strafe.“ Schrie sie und ihre Stimme überschlug sich. Er spürte, wie sie seine Hoden packte und dann einen immensen Schmerz. Er schrie und sein Schreien übertönte alles. Er krampfte sich zusammen; ein erneuter Schmerz. Schweiß brach ihm aus. Sein Unterleib hämmerte, er spürte eine warme Flüssigkeit über seine Schenkel laufen. Er sah noch Emma, was sie sagte, verstand er nicht, aber sie hielt Joachim seinen abgetrennten Penis vor die Augen. Ein Schwindel riß ihn in die Bewusstlosigkeit. Als er nach drei Tagen erwachte, man hatte ihn in ein künstliches Koma versetzt, lag er in einem Krankenhausbett. Joachim blickte ängstlich an sich herab. Seinen Penis hatten sie ihm wieder angenäht, er war mit einem Schaumstoffteil fixiert. Die Ärztin kam. Sie sprach kühl, dabei ging es um sein Leben, seine Männlichkeit. Emma hatte seine beiden Hoden mit der Knoblauchpresse bearbeitet, einen völlig zerquetscht, den anderen hatte sie zwar nicht richtig erwischt. Aber Kinder würde er wohl nicht mehr zeugen können; man müsse abwarten. Mit einiger Wahrscheinlichkeit würde er auch impotent sein. Er würde noch viele Operationen vor sich haben, vielleicht würde man ihm künstliche Schwellkörper einsetzen; wenn er das wolle. Jetzt erhielte er erst einmal Hormongaben. Und sofort ein Schlafmittel. Denn Aufregung sei ganz schlecht für ihn. Einige Tage später kam Kommissar Jansen. Er war verlegen. Joachim schämte sich, weil er den Kommissar kannte. Er solle alles schildern. Es war grausam, Joachim konnte die Tränen nicht zurück halten. Jansen wurde noch verlegener. Emma sei im Gefängnis. Erzählte er. Sie habe versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, nachdem sich herausgestellt hatte, dass Joachim Luzia und das andere Mädchen nicht missbraucht hatte. Dass es ein Komplott Tatjanas gewesen war. Von der fehlte jede Spur. Wie es ihm ginge? Was sollte Joachim antworten? Er sagte: „Ich bin kein Mann mehr.“ Jansen schluckte, hielt aber tapfer durch, noch einige Minuten weiter zu reden. Dann ging er. Irgendwann, an einem der nächsten Tage erhielt er einen Brief. Dort stand: „Sie fragten mich, ob ich den toten Geschäftsmann kastriert habe. Und was würden Sie jetzt annehmen? Natürlich habe ich es nicht getan. Es war seine langjährige, eifersüchtige Geliebte. Sie wollte ihn bestrafen. Er hat mich gebeten, ihn umzubringen. Und ich habe es getan, weil es die einzige letzte Möglichkeit sein konnte, macht über ihn zu gewinnen. Als er starb war es eine Befriedigung. Eine Befriedigung, die ich noch einmal haben wollte. Diesmal mit einem attraktiven Mann. Ich hatte Sie dafür vorgesehen. Nicht wahr, Sie hätten mich gebeten, Sie um zu bringen, wenn die Polizei nicht zufällig aufgekreuzt wäre, weil ihre Frau zu schnell gefahren war und die Polizisten sie deshalb verfolgten? Da Sie jetzt vermutlich kastriert oder zumindest impotent sind, sind Sie uninteressant für mich. Es sei denn, sie suchen jemanden, der ihr Lebenslicht auslöscht. Darum würde ich selbst auch nie einen Kunden entmannen. Denn so habe ich keine Macht mehr über ihn, keine wirkliche. Machen Sie sich keine Sorgen um mich. Ich bin jetzt in Sicherheit und werde bald wieder einen Kundenstamm haben.“ Er legte den Brief weg. Er würde Emma nie wieder sehen wollen. Er würde aus der Stadt weg ziehen. Mit Luzia. Das Gerede über seine Kastration würde er nicht ertragen. Joachim schlief ein.
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